Als ehemaliger Mathematiklehrer hat mich der Umgang mit den Zahlen in der Corona-Krise außerordentlich irritiert. Mathematisches Analpabetentum war bis in höchste Regierungskreise hinein anzutreffen. Gleichzeitig hat man unter Berufung auf angeblich objektive Daten Politik gemacht und weitreichende Entscheidungen getroffen. Die Zahlen des RKI wurden selbst von Fachleuten immer wieder kritisiert und mussten mehrfach korrigiert werden. Man hat exponentielle Kurven gezeigt und erklärt, und alle waren stolz darauf, verstanden zu haben, wie ernst die Krise ist. Aber es wurde nicht hinterfragt, wie diese Zahlen zustande kamen und welche Bedeutung sie haben oder auch nicht!

Und das war fatal: Denn eine Kurve allein gibt eben keine Auskunft darüber, wie schlimm die Infektion ist, die hier abgebildet wird. Sie gibt keine Auskunft darüber, wie hoch die Rate der ernsthaft Erkrankten ist. Und sie erlaubt insbesondere keine Rückschlüsse darauf, wie hoch der Prozentsatz der Corona-Infizierten ist, die an diesem Virus versterben, weil man eben nicht wusste und bis heute nicht weiß, wie viele Menschen letztendlich infiziert waren oder sind.

Hinzu kommt, dass die Bewertungskriterien für die Entwicklung der Pandemie mehrfach geändert wurden: War es zunächst die Verdopplungsrate der Infektionen, die als Maßstab galt, wechselte man später zum R-Wert, um dann mit der neuen, in keiner Weise objektiv nachvollziehbaren Merkelschen Formel 7-24-100000 plötzlich absolute Zahlen zum entscheidenden Kriterium zu machen, obwohl diese doch maßgeblich durch die Häufigkeit der Tests beeinflusst sind.

Das alles hat erheblich zu Verunsicherung und Vertrauensverlust in der Bevölkerung beigetragen, es hat nicht nur berechtigte Kritik hervorgerufen, sondern auch genau jene Verschwörungstheorien befeuert, über die man sich jetzt beklagt. Mit der Angabe kumulierter Werte hat man zudem suggeriert, dass es permanent schlimmer wird. Und dass Herr Drosten, der Haus- und Hofvirologe der Kanzlerin, Anfang März von bis zu 400.000 Corona Toten gesprochen hat, war nichts anderes als Panikmache auf der Basis rein spekulativer, nicht valider Daten.

Fakt ist, meine Damen und Herren, dass nahezu alle seit Beginn der Pandemie erhobenen und veröffentlichten Zahlen deshalb fehlerhaft und irreführend sind, weil sie nicht zwischen Erkrankten und Infizierten unterscheiden und daher nur einen Teil des wirklichen Infektionsgeschehens abbilden. Wenn Personen ausschließlich oder vor allem deshalb getestet werden, weil sie bereits typische Symptome aufweisen, dann erhält man keine Information über die Anzahl der tatsächlich Infizierten in der Bevölkerung. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Testergebnisses hierbei mit Sicherheit höher als bei einer nach statistischen Vorgaben zufällig ausgewählten Gruppe und führt daher zu Fehlannahmen hinsichtlich Verbreitung und Entwicklungsdynamik der Infektion. Und nicht zuletzt erhöht die Anzahl symptombezogener Tests natürlich auch die Zahl der festgestellten Infizierten, ohne dass dies in irgendeiner Weise repräsentativ wäre.

Meine Damen und Herren, es ist nicht übertrieben festzustellen, dass wir es 4 Monate nach Ausbruch der Pandemie immer noch mit einem Evidenz-Fiasko zu tun haben. Das sagen nicht nur wir, das kritisieren auch namhafte Statistik- und Medizin-Experten. Wenn man bedenkt, welch folgenschwere Entscheidungen auf einer solch lücken- und fehlerhaften Datenbasis getroffen worden sind, welche wirtschaftlichen und sozialen Schäden angerichtet wurden und werden und wie sehr wesentliche Grundrechte wie die Freiheit der Person, die Freizügigkeit oder die Versammlungsfreiheit eingeschränkt wurden, dann kann man das nur als Desaster bezeichnen.

Dass man zu Beginn – in Unkenntnis der wirklichen Bedrohungslage –den schlimmstmöglichen Fall angenommen und daher harte Maßnahmen ergriffen hat, ist nicht zu beanstanden. Aber dass man es anschließend bis heute nicht für nötig gehalten hat, diese Unwissenheit zu beseitigen, ist schlichtweg skandalös.

Denn nur wenn wir das Infektionsgeschehen zuverlässig überwachen und kontrollieren, nur wenn wir verlässliche Daten gerade über die Dynamik dieses Geschehens haben, können wir seriös beurteilen, was die geeigneten und verhältnismäßigen Schritte zur Bewältigung der Krise sind. Alles andere ist verantwortungsloser Blindflug, der bereits jetzt dazu geführt hat, dass die Therapie dem Patienten mehr schadet als die Krankheit.

Meine Damen und Herren, das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin und das Institut für Weltwirtschaft haben schon im März gefordert, repräsentative Bevölkerungsstichproben zu untersuchen. Viele andere Wissenschaftler aus den Bereichen Mathematik, Epidemiologie und Medizin haben sich dem inzwischen angeschlossen. Nur solche regelmäßig durchzuführenden Untersuchungen liefern valide Zahlen, Daten und Fakten über Erkrankte, asymptomatische Virusträger, gesunde, infizierte und bereits immunisierte Personen, also das über gesamte Spektrum infektionsserologischer Möglichkeiten. Und wir erfahren auf diesem Wege etwas über die Ausbreitung des Virus, seine Gefährlichkeit und seine Übertragungswege und über die Höhe der Dunkelziffer, über die zur Zeit auch die Landesregierung nur spekulieren kann. Diese Ergebnisse könnten uns bei der Lockerung oder Differenzierung der noch bestehenden Lockdown-Maßnahmen helfen und sie würden vor allem Aufschluss darüber geben, ob tatsächlich eine sogenannte „zweite“ oder gar „dritte Welle“ droht, wie sie uns derzeit von manchen prophezeit wird.

Ich fasse zusammen: Wir brauchen dringend eine wissenschaftlich gestützte, prospektive, randomisierte Langzeitstudie. Sie käme spät, aber noch nicht zu spät, um das Infektionsgeschehen langfristig auf der Basis gesicherter Daten zu überwachen, die geeigneten Maßnahmen zu ergreifen und so möglichst bald wieder zur Normalität zurückkehren zu können. In diesem Sinne bitten wir Sie um Zustimmung zu unserem Antrag!

 

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