Im März vergangenen Jahres haben 130 Professoren und Mathematiklehrkräfte in einem offenen Brief die Qualität des Mathematikunterrichts massiv kritisiert. Die Unterzeichner beklagen, der Schulstoff sei so weit ausgedünnt worden, dass das mathematische Vorwissen von vielen Studienanfängern nicht mehr für ein Studium in den Bereichen Wirtschaft, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik genüge.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zu „Studierfähigkeit und Ausbildungsfähigkeit“. Deren Autoren stellen fest, die politisch gewollte Inflation der Bildungsabschlüsse sei mit einer dramatischen Absenkung der Anforderungen erkauft worden. Trotz vermehrter guter Schulabschlüsse, so die Klage der Bildungsexperten, steige die Anzahl der jungen Menschen, die in Unternehmen oder Hörsälen mit fehlenden Grundlagenkompetenzen hinsichtlich Sprache und Mathematik zu kämpfen hätten. Infolgedessen seien immer mehr Betriebe und Universitäten gezwungen, die schulischen Grundlagen nachzubessern.

Wie konnte es zu dieser Fehlentwicklung kommen? Josef Kraus, 30 Jahre lang Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, sieht die Verantwortung hierfür unter anderem in einer verfehlten leistungsfeindlichen Pädagogik. Ich zitiere: „Dem Kind, dem Schüler soll bloß nichts zugemutet werden, es könnte … frustriert, demotiviert, ja traumatisiert werden. Dass man Kinder damit in einer Käseglocke und in einer ewigen Gegenwart einschließt und ihnen die Zukunft raubt, scheint nicht zu zählen.“

Vor diesem Hintergrund ist auch der sogenannte Drittelparagraph zu sehen, der in der Schulordnung für die öffentlichen Realschulen plus, Integrierten Gesamtschulen, Gymnasien, Kollegs und Abendgymnasien gilt. Es heißt dort unter § 53 Absatz 5: „Die Fachlehrkraft führt mit den Schülern ein Gespräch, wenn ein Drittel oder mehr der Noten einer Klassen- oder Kursarbeit oder einer schriftlichen Überprüfung unter ‚ausreichend‘ liegt. … Der Schulleiter entscheidet nach Anhören der Fachlehrkraft und des Sprechers der Lerngruppe, ob der Leistungsnachweis wiederholt wird. Die Noten der Wiederholung sind maßgeblich.“

Meine Damen und Herren, mehr als je zuvor sind Lehrer heute mit einer heterogenen Schülerschaft konfrontiert. Hinzu kommen familiär begründete Erziehungsdefizite und durch gesellschaftliche Entwicklungen begründete Probleme vieler Schüler bei den für das schulische Lernen notwendigen Grundkompetenzen wie Aufmerksamkeit, Disziplin und Ausdauer.

Infolgedessen sehen sich Lehrer heute mit zum Teil erheblichen Leistungsunterschieden innerhalb ihrer Klassen konfrontiert. Schriftliche Überprüfungen mit vielen Noten unter ausreichend sind vor allem in den MINT-Fächern keine Seltenheit, insbesondere dann, wenn sich die Anforderungen konsequent an den Lehrplänen orientieren. Dabei zeigt die Erfahrung, dass die genannte Regelung in §53 zu einer fortlaufenden Absenkung des Anforderungsniveaus führt. Ist nämlich die Gefahr gegeben, dass ein Drittel einer Klasse bei der Überprüfung schwach abschneidet, entsteht der Anreiz, die Anforderungen der Klassenarbeit bereits bei deren Erstellung oder aber im Rahmen der Korrektur dem tatsächlichen Leistungsniveau der Schüler nach unten hin anzupassen. Denn während bei 33% nicht ausreichenden Noten die Arbeit problemlos durchgewunken wird, ist das Erreichen der Drittel-Grenze für den Lehrer mit erheblichen Zusatzbelastungen verbunden: Unerfreuliche Diskussionen mit enttäuschten Schülern, mögliche Beschwerden von erzürnten Eltern, umfassende Dokumentation der vorbereitenden Lernprozesse und Erläuterung der Prüfungsaufgaben gegenüber der Schulleitung, zu guter Letzt vielleicht eine komplett neu zu schreibende Klassenarbeit mit neuen stundenlangen Korrekturen. Und dies selbst dann, wenn – wie in den meisten Fällen – die Ursachen für die schwachen Leistungen eindeutig auf Seiten der Schüler liegen. Dass Pädagogen, die häufig bereits an der Belastungsgrenze arbeiten, hier den Weg des geringsten Widerstandes gehen, ist daher nur allzu verständlich, aber mit Blick auf den damit einhergehenden Leistungsverfall dennoch nicht hinnehmbar.

Darüber hinaus werden mit dieser Regelung falsche Signale an die Schüler ausgesendet. Diejenigen, die sich nicht ausreichend auf eine Arbeit vorbereitet haben, bekommen unverdientermaßen ein zweite Chance und sehen daher wenig Anlass ihr Lernverhalten zu verändern. Aber es ist auch ungerecht gegenüber den guten und fleißigen Schülern, deren erreichte Note für ungültig erklärt wird und denen bei einem zweiten Versuch möglicherwiese sogar eine Verschlechterung droht. Wenn aber die Wahrscheinlichkeit für eine Wiederholung von Klassenarbeiten steigt, je schlechter die Leistungen der Schüler sind, dann wird Faulheit belohnt und jede vernünftige Pädagogik konterkariert.

Meine Damen und Herren, wir wollen den veränderten Gegebenheiten an den Schulen Rechnung tragen und einer weiteren Leistungserosion vorzubeugen. Die von uns geforderte Anhebung der Drittelgrenze in §53 Schulordnung ist ein wichtiger Baustein dazu. Damit stellen wir eine einheitliche Regelung mit den berufsbildenden Schulen her, wo bereits jetzt eine 50%-Grenze gilt. Zudem schaffen wir größere Freiräume für die Lehrer, stärken ihre Eigenverantwortung und unterstützen sie bei der Umsetzung objektiv vorgegebener Leistungsanforderungen. Und wir nehmen letztlich auch die Schüler ernst, indem wir sie nicht vorschnell von den Konsequenzen mangelhaften Lernverhaltens entlasten, sondern ihnen eine realistische Rückmeldung über ihren Leistungsstand geben und ihnen zumuten, sich mit ihren Defiziten selbstkritisch auseinanderzusetzen. Damit lernen sie nicht nur für die Schule, sondern vor allem auch für das Leben! Vielen Dank!

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