„Wer, wie, was. Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm. Der Text dieses „Sesamstraßen“-Liedes lässt sich im Kern auch auf die Politik übertragen. Denn wenn Abgeordnete nicht kritisch nachfragen würden, könnten sie nicht die neben der Gesetzgebung wohl wichtigste Aufgabe des Parlaments erfüllen: die Kontrolle der Regierung.“ Diese Sätze finden sich als wörtliches Zitat unter dem Stichwort „Anfragen“ auf der Homepage des Deutschen Bundestages. Und in der Tat sind Kleine und Große Anfragen eines der wichtigsten Instrumente parlamentarischer Arbeit und Ausdruck der Gewaltenteilung zwischen Regierenden und Volksvertretern.

Angesichts dessen ist es befremdlich, dass die Große Anfrage der SPD-Fraktion unter der Überschrift „Erfolgsmodell Ganztagsschule“ steht und bereits in der Einleitung von einer hohen Akzeptanz dieses Modells spricht. Hier wird das Ergebnis der Befragung ganz offensichtlich vorweggenommen und deshalb scheint auch diese Anfrage einmal mehr eher der Beweihräucherung der Regierung als deren parlamentarischen Kontrolle zu dienen.

So ist es denn auch kein Zufall, dass Fragen, Antworten und Antrag nahezu ausschließlich die tatsächlich oder nur vermeintlich positiven Seiten der Ganztagsschule beleuchten. Probleme werden weitgehend ausgespart, tiefergehende Fragen wie die nach den gesellschaftlichen Auswirkungen auf Familien oder Vereinsleben fehlen völlig.

So stellt die Landesregierung beispielsweise fest, ich zitiere: „Der Förderung von besonderen Begabungen und Talenten sowie der Stärkung der Schülerpersönlichkeit schenkt die Ganztagsschule Beachtung.“ Das, meine Damen und Herren, ist eine wohlfeile Behauptung, deren Richtigkeit angesichts mangelhafter Personalausstattung und gegenteiliger Erfahrungen Betroffener mit Fug und Recht angezweifelt werden darf. Ist es wirklich möglich, in einem solchen vorstrukturierten System individuelle Fähigkeiten angemessen zu fördern oder geschieht dies in den meisten Fällen nicht besser außerhalb der Schule durch Eltern, private Initiativen oder Vereine, wo sich diejenigen zusammenfinden, die spezielle gemeinsame Interessen verbinden?

Weiter heißt es in der Antwort der Landesregierung: „Die Lernzeit entspricht den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler… Sie erledigen die Hausaufgaben grundsätzlich in der Schule, nicht zu Hause.“ Auch hier sprechen die Rückmeldungen betroffener Eltern und Schüler eine andere Sprache. Es gibt bei weitem nicht an allen Ganztagsschulen eine den individuellen Bedürfnissen entsprechende Hausaufgabenbetreuung. Und wie mir erst kürzlich eine Gymnasialklasse bei ihrem Landtagsbesuch bestätigte, ist es keineswegs so, dass alle Aufgaben und Lernaufträge ausgeführt sind, wenn Schüler um fünf oder sechs Uhr müde nach Hause kommen.

Meine Damen und Herren, zweifellos ist es notwendig und sinnvoll, ein Angebot an Ganztagsschulplätzen für diejenigen zur Verfügung zu stellen, die darauf angewiesen sind. Insofern stellen die GTS einen unverzichtbaren Bestandteil des rheinland-pfälzischen Schulsystems dar. Aber wir halten den von der Landesregierung betriebenen weiteren Ausbau der Ganztagsschulen für fragwürdig. Wie zahlreiche Studien belegen und sogar der 15. Kinder- und Jugendbericht einräumt, wird die Bildungsqualität dadurch nicht verbessert. Gleichzeitig wird jedoch außerschulische Freizeitgestaltung in Gruppen und Vereinen zunehmend erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht. Nicht zuletzt deshalb wählen ältere Jugendliche die GTS zumeist ab, was sich ebenfalls im genannten Kinder- und Jugendbericht nachlesen lässt.

Insgesamt wird die Zeit für familiäre Gemeinsamkeit durch die Ganztagsschule spürbar verringert, die gerade für Kinder wichtige und prägende Familienkultur geht immer mehr verloren, obwohl die Erziehung laut Grundgesetz Aufgabe der Familien und nicht staatlicher Institutionen ist.

Hinzu kommt, dass der GTS-Ausbau Milliarden verschlingt, während es bei der Qualität des Bestehenden an vielen Stellen hapert. Steigende Schülerzahlen, vor allem aber die wachsende Heterogenität der Klassen erfordern bereits jetzt einen erheblichen Mehrbedarf an Lehrern, für den jedoch keine finanziellen Ressourcen zur Verfügung stehen. Inklusion und Integration werden auf dem Rücken hoch motivierter, aber häufig überlasteter Pädagogen ausgetragen, denen man die dringend notwendige personelle Unterstützung versagt. Vor diesem Hintergrund ist es eine Illusion, die nachmittägliche Kinderbetreuung verstärkt oder gar komplett auf die Schulen übertragen und dabei gleichzeitig die Unterrichtsqualität halten zu können. Der Ausbau der GTS führt zu einem Qualitätsverlust im Kernbereich der Schule, im Unterricht – und das in einer Zeit, wo eine Bildungsoffensive notwendiger wäre als je zuvor.

Meine Damen und Herren, wer die traditionelle Rolle der Schule als Unterrichtsschule umzudeuten und aus ihr eine „Lebenswelt“ zu machen versucht, wer eine immer weitere Auslagerung von Kindheit und Jugend in staatliche Institutionen will, der sollte die Folgen bedenken: Einheitserziehung, Einheitsernährung, permanenter Aufenthalt in der Großgruppe mit entsprechender Lärmbelästigung und sozialem Stress, dauerhafte Beaufsichtigung und Beschäftigung durch Erwachsene. Gleichzeitig Verarmung der Freizeitangebote, allmähliches Austrocknen gewachsener Strukturen in Sportvereinen, Laienmusik, Freiwilliger Feuerwehr oder Kirchengemeinden. Was dort geleistet wird, kann Schule nicht ersetzen, auch nicht mit Ehrenamtlichen und gut gemeinten Kooperationen. Vor allem aber kann sie das nicht bieten, was vielleicht das Wichtigste ist: Freiheit für individuelle Entwicklung, für Kreativität und Persönlichkeitsentfaltung außerhalb vorgegebener Gruppendynamik, staatlicher Aufsichtspflicht und einengender Rahmenbedingungen. Nicht mehr Schule, sondern bessere Schule heißt daher das Gebot der Stunde! Den Antrag der Ampelfraktionen lehnen wir ab. Vielen Dank!

Als PDF runterladen