Im Jahr 1787 ließ der russische Feldmarschall Reichsfürst Alexandrowitsch Potemkin im eroberten Neurussland Dörfer aus bemalten Kulissen errichten. So wollte er das wahre Gesicht der Gegend vor seiner Zarin Katharina der Großen verbergen. Mag diese Geschichte nun stimmen oder nicht – seine Strategie hat sich nicht nur als Redewendung von den Potemkinschen Dörfern erhalten, sie erfreut sich auch heute noch einer großen und ungebrochenen Beliebtheit bei den Regierenden.

Nun liegt es mir sicherlich fern, den rheinland-pfälzischen Landtag mit Katharina der Großen und Frau Hubig mit einem russischen Fürsten vergleichen zu wollen. Aber dennoch kam mir diese Anekdote in den Sinn, als ich die Antwort der Ministerin auf die Große Anfrage der CDU zu Regulierungsmethoden des Unterrichtsausfalls las. Denn was hier zutage tritt, ist schon ein bemerkenswertes Maß an Vorspiegelung falscher Tatsachen und damit verbundener Verschleierung wenig erfreulicher Realitäten. Während die Ministerin nicht müde wird, landauf landab zu verkünden, dass wir an rheinland-pfälzischen Schulen eine nahezu vollständige Unterrichtsversorgung hätten, sieht die Wirklichkeit doch anders aus. Über die amtliche Statistik hinaus, die lediglich den Unterrichtsausfall erfasst, bei dem die Schüler nach Hause geschickt werden, gibt es offensichtlich versteckte Ausfälle in erheblichem Umfang. Kurzfristige, zum Teil aber auch länger andauernde Personalmängel werden an fast allen Schulen durch sogenanntes „selbstbestimmtes Lernen“ oder „Umorganisation“ aufgefangen. Dabei werden Schüler ohne Anwesenheit eines Lehrers mit mehr oder weniger sinnvollen Arbeitsaufträgen beschäftigt oder ganze Klassen zusammengelegt. Ich selbst habe das im Rahmen meiner über 30-jährigen Tätigkeit an einer großen Berufsbildenden Schule in Trier regelmäßig erlebt: Kollege X ist krankheitsbedingt gerade nach Hause gegangen – können Sie seine Klasse im Nachbarraum beaufsichtigen? Es genügt, wenn die Türen aufstehen. Kollegin Y fällt diese Woche aus – übernehmen Sie bitte die Klasse mit – Kollege Z ist nicht da, geben Sie den Schülern irgendeinen Arbeitsauftrag, wir können sie nicht schon wieder nach Hause schicken, das gibt Ärger mit den Betrieben.

So oder so ähnlich, meine Damen und Herren, sieht die Realität an vielen rheinland-pfälzischen Schulen aus – eine Realität, die im Übrigen Eltern und Schülern schon seit langem bewusst ist. Man muss der CDU-Fraktion dankbar sein, dass sie mit ihrer Großen Anfrage hinter die Fassaden geleuchtet hat. Gleiches gilt für die in der vergangenen Woche veröffentliche Studie des Regionalelternbeirats Koblenz, die die Ergebnisse der Anfrage um weitere Zahlen und Fakten ergänzt.

Denn natürlich ist klar, dass die Qualität der genannten Maßnahmen zur Regulierung ausfallenden Unterrichts nicht mit der regulärer, von einem Fachlehrer erteilter Stunden zu vergleichen ist. Dies festzustellen, bedeutet weder einen Vorwurf an die Schulen, die mangels ausreichender Personalausstattung nach Notlösungen suchen, noch an die Lehrkräfte, die mit großem Engagement versuchen, politisch verantwortete Lücken zu stopfen.

In der Tat sind die vorliegenden Zahlen erschreckend. Insgesamt mussten im Schuljahr 2017/18 7,2% Prozent aller zu erteilenden Unterrichtsstunden durch Behelfe reguliert werden. An den Förderschulen waren es über 10 Prozent, in Einzelfällen wie der SFG Koblenz, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt ganzheitliche Entwicklung, sogar 14 Prozent. Ähnlich hoch sind die Werte an den Realschulen Plus mit insgesamt 8,5%. An der Diesterweg-Schule in Ludwigshafen wurden beispielsweise 12 Prozent der planmäßigen Unterrichtsstunden mit Hilfe von „Umorganisation“ erteilt.

Im gleichen Schuljahr hat man allein in meiner Heimatstadt Trier über 7.500 Stunden durch „selbstbestimmtes Lernen“ und mehr als 27.000 Stunden durch „Umorganisation“ ersetzt. Das bedeutet einen Ausfall von fast 35.000 regulären, von einem Lehrer betreuten Unterrichtsstunden. An einzelnen Schulen wie etwa der Realschule Moseltal, dem Friedrich-Spee-Gymnasium oder der BBS-Wirtschaft entfielen jeweils mehr als 2000 Stunden auf diese Art von Unterrichtsersatz.

So, meine Damen und Herren, so wird aus der von der Landesregierung vollmundig behaupteten nahezu 100-prozentigen Unterrichtsabdeckung ganz schnell ein Wert von nur noch 90 Prozent oder gar darunter. Wenn man dann noch bedenkt, dass im letzten Schuljahr schulartübergreifend weitere 13,6 Prozent und an der Realschule Plus sogar 24,3 Prozent aller Stunden fachfremd erteilt wurden, dann wird erst recht deutlich, wie groß die personellen Defizite im rheinland-pfälzischen Bildungssystem sind.

Meine Damen und Herren, die AfD-Fraktion fordert die Bildungsministerin auf, die jetzt erhobenen Zahlen zukünftig in die amtliche Statistik aufzunehmen, um Potemkinsche Fassaden zu beseitigen und Transparenz herzustellen. Und wir fordern eine Personalbemessung, die es erlaubt, alle Unterrichtsstunden auch tatsächlich durch qualifizierte Lehrer zu erteilen anstatt Lücken mit pädagogisch fragwürdigen Behelfskonstruktionen oder fachfremden Lehrkräften zu füllen. Das sind wir unseren Kindern, ihren Eltern und letztlich auch unseren Bürgern schuldig, denn sie alle werden die Folgen einer verfehlten Bildungspolitik tragen müssen.

 

 

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