Wenn ein Kind zum ersten Mal im Leben in eine KiTa geht, dann ist das ein einschneidendes Erlebnis für diesen kleinen Menschen. Eine neue ungewohnte Umgebung, eine beängstigende Geräuschkulisse, viele fremde Personen, stundenlange Trennung von den Eltern. Wie oft fließen Tränen, klammern sich die Kleinen an Mamas oder Papas Hand, wenn die Zeit kommt, alleine in dieser fremden Welt zurückzubleiben. Für manche werden diese Abschiede zu einem traumatischen Erlebnis, nahezu alle Kinder leiden nachweislich unter Stress. Bis sie Vertrauen und Sicherheit gewinnen, dazu braucht es zumeist Wochen oder gar Monate. Und ob dies gelingt, hängt von denen ab, die fortan außerhalb der Familie ihre wichtigsten Bezugspersonen sind: Erzieherinnen und Erzieher. Auf ihren Schultern lastet eine große Verantwortung. Denn KiTa-Kinder befinden sich in der verletzlichsten und gleichzeitig prägendsten Phase ihres Lebens. Das, was sie in dieser Zeit erfahren, formt ihre Persönlichkeit in einer Art und Weise, die später kaum noch korrigierbar ist. Für eine gesunde Entwicklung brauchen sie deshalb viel Zeit voller Zuwendung und Empathie, ja sie brauchen die gleiche Sicherheit und Bindung wie zu Hause.

Meine Damen und Herren, seit Jahrzehnten setzt sich die Wissenschaft mit den Bedürfnissen von Kindern auseinander. Kinderärzten, Psychologen, Psychotherapeuten, Hirn- und Bindungsforschern verdanken wir gesicherte Erkenntnisse darüber, was wir unseren Kleinsten auch in den KiTas geben müssen, damit sie für das Leben gut gerüstet sind. Sie haben Mindeststandards definiert und diese Standards sind sehr klar: Eine Erzieherin auf 2 oder maximal 3 unter dreijährige Kinder, bei älteren sollten es nicht mehr als 8 sein. Das, was der Gesetzentwurf der Landesregierung als Personalbemessung vorsieht, ist meilenweit von diesen Anforderungen entfernt. Durchschnittlich 9 bis 10 Kinder auf eine Fachkraft und keine Besserstellung der Zweijährigen. Mittelbare pädagogische Arbeit und Ausfallzeiten, die in der Experten-Anhörung zusammen mit über 40% beziffert wurden, inklusive.

Mag die Landesregierung rechnen, wie und solange sie will, das reicht bei weitem nicht aus. Die vielgerühmte, und erst nach heftigen Protesten von Erzieherinnen und Erziehern vorgenommene geringfügige Anhebung des Personalschlüssels genügt nicht einmal, um Leistungsausweitung, Inklusion, Sprachförderung und den hohen Betreuungsbedarf für immer mehr Zweijährige aufzufangen. Noch viel weniger wird damit die dringend gebotene Verbesserung der Fachkraft-Kind-Relation erreicht werden können!

Zwar weisen Ministerin und Ampelfraktionen gebetsmühlenartig darauf hin, man gebe mehr Geld ins System. Aber das ist ein Scheinargument. Denn es geht nicht um ein Mehr, es geht um ein Genug. Ein Genug im Blick auf die existentiellen Bedürfnisse und die gesunde Entwicklung unserer Kinder. Wie kann es sein, dass eindeutige wissenschaftliche Erkenntnisse unter Hinweis auf angeblich fehlende Finanzmittel einfach beiseitegeschoben werden, obwohl man um die damit verbundenen Folgen weiß? Stellen Sie sich einmal vor, man würde im Bereich Gesundheit oder Pflege mit dem Hinweis auf zu hohe Kosten elementare Standards der Wissenschaft zu Lasten der Menschen vernachlässigen. Ein Aufschrei der Entrüstung wäre zu Recht die Folge! Warum gelten diese Maßstäbe bei der Kinderbetreuung nicht?

Meine Damen und Herren, der tschechische Kinderpsychologe Zdenek Matejcek hat einmal festgestellt, Kindertagestätten seien eine Einrichtung zugunsten Erwachsener, die sich Kinder nie … selbst ausdenken würden. Und in der Tat gibt es vor allem für die Kleinsten nichts Besseres als liebevolle Eltern und Geborgenheit in der Familie. Auch dafür gibt es eine Fülle von wissenschaftlichen Belegen. Und deshalb setzen wir uns dafür ein, die familiäre Erziehung zu stärken und Eltern es mehr als bisher zu ermöglichen, in den ersten Jahren selbst für ihre Kinder da zu sein.

Aber uns ist auch bewusst, dass die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen dies nicht in dem Maße erlauben, wie es wünschenswert wäre. Deshalb brauchen wir das Angebot einer öffentlichen Kinderbetreuung. Aber dann müssen wir eine solche Betreuung auch richtig machen. Dann müssen wir sie so machen, dass nicht aus ideologischen oder ökonomischen Zwängen, sondern einzig und allein aus der Perspektive der Kinder gedacht und gehandelt wird. Das heißt konkret: ausreichende Eingewöhnungszeit, Kontinuität in der Beziehung zu einer festen Bezugsperson und kleine Gruppen. Das heißt individuelle körperliche und seelische Zuwendung immer dann, wenn es notwendig ist, und nicht nur 30 Minuten am Tag, wie eine aktuelle Studie den Istzustand in unseren KiTas beschreibt. Das heißt nicht von der Personalsituation abhängiges, sondern zuverlässiges und unmittelbares Beantworten kindlicher Signale und Bedürfnisse. All das geht nicht ohne Zeit, Zeit und noch einmal Zeit. Mit der Personalausstattung dieses Gesetzes kann das nicht annähernd funktionieren. Und deshalb ist dieses Gesetz schlicht und ergreifend verantwortungslos. Es gefährdet das Wohl der Kinder und bringt Erzieherinnen und Erzieher endgültig an die Grenze der Belastbarkeit.

Meine Damen und Herren, so manches ließe sich zu diesem Gesetz noch sagen. Insbesondere die zu erwartende finanzielle Belastung der Kommunen erfüllt uns mit Sorge. Sie werden beim Personal und bei dem notwendigen Ausbau der Infrastruktur wieder einmal draufzahlen müssen. Auch der Fachkräftemangel, gegen den die Landesregierung kein wirkliches Rezept hat, dürfte den Einrichtungen in Zukunft immer mehr zu schaffen machen. Hier rächt sich eine seit Jahrzehnten verfehlte Familien- und Bildungspolitik. Diese Kritikpunkte bestärken unsere ablehnende Haltung zum Gesetz.

Meine Damen und Herren, von dem Schriftsteller Jean Paul stammt der wunderbare Satz: „Mit einer Kindheit voller Liebe kann man ein halbes Leben hindurch die kalte Welt aushalten.“ Nur wenn wir unseren Kindern diese Liebe geben, werden sie gesund und glücklich aufwachsen und die Herausforderungen des Lebens meistern. Diesem alles entscheidenden Anspruch wird das KiTa-Zukunftsgesetz in der vorliegenden Form nicht gerecht. Die AfD-Fraktion lehnt es deshalb ab.

 

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