„Wir müssen … die jungen Mädchen, … vor Funktionalisierung und Missbrauch schützen…. Wer das Kopftuch will, ist Traditionalist und interpretiert die Überlieferung im eigenen Interesse. In Deutschland gehört er damit zu der Minderheit von Muslimen, die diese Religion nicht spirituell, sondern als Gesetz begreifen und einen ‚Scharia-Islam‘ vertreten.“ Das sagt die in der Türkei geborene Soziologin Necla Kelek in Alice Schwarzers „Emma“.

Ja, uns ist durchaus bewusst, dass die Religionsfreiheit und das Erziehungsrecht der Eltern hohe Güter sind. Aber gerade weil dies so ist und wir daher in einem sensiblen Bereich agieren, müssen wir die Sache genau betrachten. Das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen stellte im Februar 2011 fest, dass nach überwiegender islamischer Ansicht vor Eintritt der Pubertät kein Verschleierungsgebot besteht. Selbst in religiösen muslimischen Kreisen wird über die Bedingungen gestritten, unter denen Frauen das Kopftuch tragen sollen – von Grundschulkindern ist hier nicht die Rede. In diesem Alter hat das Kopftuch für Mädchen nicht den Stellenwert einer islamischen Bekleidungsvorschrift. Ein Verbot wäre demnach möglich, ohne die Religionsfreiheit zu beeinträchtigen. Und genau deshalb ist hier auch das Recht des Staates über das religiöse Erziehungsrecht der Eltern zu stellen.

Die schon erwähnte Soziologin Kelek unterstreicht diesen Sachverhalt. Ich zitiere: „Mädchen vor dem 14. Lebensjahr mit dem Kopftuch in die Schule zu schicken, das hat wenig mit Religionsfreiheit oder dem Recht der Eltern auf Erziehung zu tun, sondern ist ein Verstoß gegen die … Menschenwürde und das Diskriminierungsverbot. Denn das Kopftuch qualifiziert das Kind als Sexualwesen, das seine Reize vor den Männern zu verbergen hat, das weniger Freiheiten hat als die Brüder und die anderen Schulkameradinnen.“ Zitatende.

Meine Damen und Herren, ein Kopftuchverbot in der Grundschule ist nicht nur rechtlich möglich, es ist auch aus guten Gründen geboten. Denn das Kopftuch ist gerade in diesem Alter eine Gefahr für Integration und Selbstbestimmung der Mädchen. So forderte die türkischstämmige Politikwissenschaftlerin Cigdem Toprak ein Kopftuchverbot für junge Mädchen mit der Begründung, dies erreiche genau jene Familien, die das Selbstbestimmungsrecht ihrer Töchter missachten. Ein solches Verbot, so Toprak, helfe den Kindern, sich zumindest in den wichtigsten Entwicklungsjahren nicht „anders“ fühlen zu müssen.

Und in der Tat: Kinder in diesem Alter wollen so sein wie alle anderen. Die Bürde des angeblich „Besonderen“, des „Sauberen“, das entfremdet sie von den übrigen. Wenn es heißt: „Wer kein Kopftuch trägt, hat keine Ehre“, dann treibt das Kopftuch einen Keil in die Klassen. Necla Kelek bezeichnet es daher gar als ein „Zeichen von religiöser Apartheid“. Das aber ist das Gegenteil von dem, was Kinder in diesem Alter lernen sollten und es ist auch entwicklungspsychologisch ausgesprochen schädlich. Und daher müssen wir Kindern durch ein Kopftuchverbot Freiräume ermöglichen, notfalls sogar gegen den Willen der Eltern.

Auch die in Ostanatolien geborene Sonja Fatma Bläser stellt in der taz klar, dass das Kopftuch kein simples Kleidungsstück ist und Mädchen entrechtet, die sich nicht selbst dafür entschieden haben. Auf die Frage, ob die Entwicklung eines muslimischen Mädchens durch das Kopftuch stärker eingeschränkt werde als die eines Kindes, das in einer fundamentalistisch-christlichen Familie aufwächst, antwortet Bläser – ich zitiere: „Ich fürchte, das Kopftuch ist um ein Vielfaches wirksamer….. Denn es stellt eine andauernde körperliche und psychische Disziplinierung dar – und zwar in einem prägenden Alter.“ Zitatende.

Meine Damen und Herren, es sollte uns sehr nachdenklich stimmen, dass solche Warnungen gerade von muslimischen Frauen kommen, die aus eigener Erfahrung wissen, worüber sie reden.

Ein Kopftuchverbot für junge Mädchen würde klarstellen: Erst eine Frau kann sich möglicherweise frei für oder gegen das Tuch entscheiden. Aber im Grundschulalter ist das Kopftuch definitiv nicht individueller Ausdruck religiöser Identität, sondern vielmehr Zeichen von Fremdbestimmung und vor allem Instrument sozialer Kontrolle. Denn während für die Mehrheitsgesellschaft die Frau mit Kopftuch vorrangig ein Individuum sein mag, ist sie für ihre Community primär Teil des Kollektivs. Sie muss sich nicht nur etwas von ihren eigenen Eltern anhören, sondern auch von Verwandten, sogar von unbekannten Taxifahrern. Oder haben Sie schon einmal eine junge Frau mit Kopftuch auf der Straße einen Mann küssen sehen?

Ein Mädchen, das von Kindesbeinen an Kopftuch trägt, kann es nicht so einfach mit 17 Jahren wieder abgelegen wie das Kreuz an einer Kette. Denn ein solches Ablegen bedeutet nicht nur das Ablehnen der bisherigen Religion, sondern zugleich der mit dem Tuch verbundenen Werte, Normen und Sitten. Frauen, die das tun, machen sich angreifbar und werden als „Verräterin“ stigmatisiert. Und auch deshalb dürfen wir nicht akzeptieren, dass bereits kleinen Kinder antrainiert wird, ein Kopftuch zu tragen.

Meine Damen und Herren, wir erleben in Europa zurzeit eine Radikalisierung des Islam. Lange war diese ohnehin auf politische Macht ausgerichtete Religion nicht mehr so offensiv und missionarisch wie heute. Dabei nehmen gerade die Radikalsten gezielt Einfluss auf junge Menschen und betreiben unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit ihre freiheitsfeindliche Agenda.

Unser Antrag richtet sich nicht gegen die Muslime, die gut integriert bei uns leben und unsere demokratische Grundordnung respektieren. Unser Antrag richtet sich gegen eine Interpretation des Islam, die sogar über das hinausgeht, was im Koran steht. Hier müssen wir ein deutliches Signal aussenden: Wir werden es nicht dulden, dass sich in unserem Land Tendenzen ausbreiten, mit denen kleine Mädchen sexualisiert, ihre Selbstbestimmung verhindert und so Integration gefährdet wird. Und wir werden es nicht hinnehmen, dass bereits Kindern ein Frauenbild aufoktroyiert wird, das mit unseren Vorstellungen eines gleichberechtigten Zusammenlebens nicht vereinbar ist und daher einen wesentlichen Teil unserer Werteordnung negiert. Unterstützen Sie dieses wichtige Anliegen, stimmen sie unserem Antrag zu!

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